Nicht Geschwindigkeit, sondern neue Wertschöpfung — warum KI als reiner Effizienztreiber an Grenzen stößt
Warum der teuerste Fehler bei der KI-Einführung nicht die Technologie selbst ist, sondern das Sparen an Einstiegsjobs und Personalentwicklung – und wie Intuition und Erfahrungswissen zur eigentlichen Führungsressource der Post-Labor Economy werden.
Kurzprofil
Prof. Dr. Andreas Moring ist Professor für Digitale Wirtschaft, Innovation und KI an der International School of Management (ISM) Hamburg.
Er ist Gründer und Leiter des JuS.TECH Instituts für Data Science/KI und Nachhaltigkeit sowie Ambassador für Mensch-KI-Kooperation am Artificial Intelligence Center ARIC. Mit TheEssence hat er zudem ein Trainingsformat aufgebaut, das Führungskräften und Teams vermittelt, Intuition, Erfahrungswissen und genuin menschliche Kompetenzen wie Empathie, systemisches Denken, Kreativität und Resilienz gezielt zu nutzen.
Ist die „Post-Labor Economy“ eine reale ökonomische Perspektive oder vor allem ein Weckruf?
Das ist für mich eine reale ökonomische Perspektive. Künstliche Intelligenz übernimmt immer mehr Aufgaben von Menschen – nicht nur in klassischen Bürojobs am Bildschirm, sondern über Robotik und KI zunehmend auch in der realen Welt. Das wird viel größere Auswirkungen haben, als sich die meisten heute vorstellen.
Es ist richtig, dass wir in den Arbeitsmodellen denken, die wir kennen – aber genau die werden durch KI grundsätzlich infrage gestellt. Nicht alle, aber die allermeisten.
Was unterscheidet Intuition von Erfahrung oder Bauchgefühl – und warum wird sie unterschätzt?
Intuition und Erfahrungswissen bauen wir über unsere Erlebnisse auf – es ist die größte Wissensquelle, die wir überhaupt haben, denn sie kommt nicht aus Büchern, Theorien oder Modellen, sondern aus der realen Welt. Dafür ist es wichtig, möglichst viele Erfahrungen zu machen und sich in bestimmten Bereichen zu spezialisieren, also zu einer Meisterschaft im wahren Sinn zu kommen.
Das Problem: Dieses Wissen ist nicht rational und explizit, sondern implizit. Erfahrungswissen und Intuition kommunizieren nicht in klaren Worten, wie wir das vom rationalen Denken kennen, sondern über Eindrücke und Gefühle – man muss lernen, sie richtig zu erkennen und zu deuten. Genau das vermittle ich bei TheEssence, ebenso wie das Training weiterer genuin menschlicher Fähigkeiten wie Empathie, systemisches Denken, Kreativität oder Resilienz.
Intuition wird unterschätzt, weil sie nicht zum rationalen Denken passt, sich nicht logisch begründen lässt und scheinbar mühelos funktioniert. Dabei ist es genau umgekehrt: Der Aufbau von Erfahrungswissen ist der mühsamste Prozess über Monate, Jahre, teils Jahrzehnte, den wir überhaupt durchlaufen.
Nimmt man diese Perspektive ein, bekommen Erfahrungswissen und Intuition einen ganz anderen Stellenwert.
Was ist der teuerste Fehler, den Organisationen bei der Arbeitsteilung zwischen Mensch und KI machen?
Ein teurer Fehler ist es, Menschen zu schnell durch KI zu ersetzen und vor allem bei den Einstiegsjobs zu sparen. Genau diese Jobs lassen sich sehr gut durch KI ersetzen – mittel- und langfristig wird sich das aber rächen, weil dann eine gut ausgebildete und erfahrene Führungsriege für morgen und übermorgen fehlt.
Ein weiterer teurer Fehler: KI zu implementieren, ohne die Personalentwicklung im Bereich menschlicher Kompetenzen mitzudenken. Dann hat ein Unternehmen zwar eine sehr leistungsfähige KI, aber nicht die Menschen mit den Fähigkeiten, sie zielgerichtet und produktiv einzusetzen – die Prozesse laufen schneller, produktiver oder innovativer wird man dadurch aber nicht.
Ihr wichtigster strategischer Rat für die kommenden zwei Jahre?
Definieren Sie klar, in welchen Bereichen und bei welchen Aufgaben künstliche Intelligenz in Ihrem Unternehmen an Grenzen stößt – und entwickeln Sie genau dort Ihr Personal mit den entsprechenden Fähigkeiten weiter.
Was unterscheidet Unternehmen, die durch KI an Wert gewinnen, von jenen, die Wertschöpfung verlieren?
Der entscheidende Unterschied liegt im Verständnis von KI. Wer sie nur als Effizienz- und Geschwindigkeitstreiber zur Kostensenkung versteht, stößt schnell an Grenzen – weil er lediglich Bestehendes schneller macht, und weil alle anderen das ebenfalls tun.
Neue Wertschöpfung entsteht erst, wenn Unternehmen KI für Vorhaben nutzen, die vorher zu lange, zu umständlich, zu komplex oder zu teuer gewesen wären.
Wer solche Ansätze findet und KI richtig dafür einsetzt, verschafft sich einen erheblichen Wettbewerbsvorsprung – und ganz neue Modelle der Wertschöpfung.
Strategische Einordnung von Murat Ham
Morings Perspektive bestätigt aus einer anderen Richtung, was sich auch in meiner Beratungspraxis zeigt: Der eigentliche Engpass der KI-Transformation liegt selten in der Technologie, sondern in der Frage, ob Führung bereit ist, in die eigenen Menschen genauso konsequent zu investieren wie in die Werkzeuge.
Wer KI nur zur Kostensenkung einsetzt, optimiert Bestehendes – wer sie mit gezielter Personalentwicklung koppelt, verschafft sich echten strategischen Vorsprung. Genau dieses Zusammenspiel aus technologischer und menschlicher Kompetenz wird zur eigentlichen Führungsaufgabe der kommenden Jahre.