Dominic von Proeck

KI-TRANSFORMATION · TRUST UND GOVERNANCE

Interview: 100 KI-Agenten. 10 Menschen.

Dominic von Proeck · CEO von Leaders of AI
Dominic von Proeck, CEO von Leaders of AI, im Porträt auf der Executive-Briefing-Karte

Dominic von Proeck, CEO von Leaders of AI, lässt zehn Menschen und über 100 KI-Agenten zusammenarbeiten und hält es für wahrscheinlich, dass Unternehmen 2030 ähnlich arbeiten. Im Interview spricht er darüber, wer die Ergebnisse autonomer Agenten prüft, warum die Verantwortung immer beim Menschen bleibt und was ein Aufsichtsrat dazu einfordern sollte.

1. Hinter „100 KI-Agenten. 10 Menschen.“ steckt eine klare These. Was ist ihr Kern, und was davon funktioniert heute schon im Unternehmensalltag, was ist noch Vision?

Wenn es um KI geht, sind wir gerade alle Schüler. Deshalb haben wir es bei Leaders of AI zu unserer Mission gemacht zu sagen: Wir wollen selbst ausprobieren, wie die Organisation zukünftig arbeitet und haben uns für ein radikales Experiment entschieden. Was passiert, wenn nur zehn Menschen und über 100 KI-Agenten tagtäglich Hand in Hand arbeiten?

Gewissermaßen versuchen wir, einen Schritt in die Zukunft zu gehen, herauszufinden, was funktioniert und was nicht und diese Erkenntnisse zu teilen. KI ist damit heute ein bedeutender Bestandteil entlang unserer Wertschöpfungskette: Von Marketing über Vertrieb und Operations bis hin zum Finanzbereich. Wir haben 2026 einen wichtigen Meilenstein in diesem Experiment erreicht: Wir weisen dieses Jahr einen Gewinn von über 1 Million Euro pro Mitarbeiter aus. Das wäre ohne die KI nicht denkbar.

2. Was tun die zehn Menschen konkret, und welche Fähigkeit wird für sie wichtiger als Fachwissen?

Es ist die Kombination aus Fachwissen und Führungskompetenz, die bei der Zusammenarbeit mit KI-Agenten entscheidend ist. Wir müssen sie anleiten, feedbacken und weiterentwickeln, wie wir es bei Menschen machen. Entsprechend habe ich ausschließlich Führungskräfte eingestellt, die zuvor bei der Deutschen Bahn, bei Amazon, bei IKEA oder bei Philips gearbeitet und diese Kompetenz gezeigt haben, sei das im Bereich Marketing, Finanzen, Vertrieb oder in der IT.

3. Wer prüft die Ergebnisse autonomer Agenten, und wer trägt die Verantwortung, wenn ein Agent falsch entscheidet? Was sollte ein Aufsichtsrat dazu heute einfordern?

Das ist abhängig davon, wie unser Risikoappetit für den jeweiligen Prozess ausgestaltet ist. Björn, ein KI-Agent, der unsere Buchhaltung macht, wird von niemandem überprüft. Der Steuerberater sagt Bescheid, wenn ein Beleg fehlt. Auf der anderen Seite gibt es markenrelevante Themen, bei denen wir immer schauen, bevor etwas von der KI veröffentlicht wird. Dazwischen gibt es sogenannte Konsensverfahren: drei unabhängige KI-Modelle, die ein anderes Modell überprüfen. Abhängig vom Prozess ist es auf diesem Spektrum eine Kombination aus diesen Varianten. Die Verantwortung trägt aber immer der Mensch. Aufsichtsräte sollten solche klaren Governance-Regeln einfordern.

4. Wie verändert sich Führung, wenn Agenten Entscheidungen vorbereiten oder treffen, und welche Entscheidung würden Sie bewusst nicht übertragen?

Entscheidend ist, dass nicht alles, was technologisch möglich ist, auch getan werden sollte. Ich gebe ein Beispiel: Wir haben einen KI-Agenten auf unserer Website, der Besucher unterstützt. Wenn aber jemand die Telefonnummer wählt, dann geht immer ein Mensch ran, weil wir ermöglichen wollen, dass Menschen mit anderen Menschen in den Austausch kommen, wenn sie das möchten. Menschliche Beziehungen werden massiv an Bedeutung gewinnen, und am Ende des Tages werden die Vision, das Verifizieren und die Verantwortung in menschlicher Hand bleiben.

5. Welchen Fehler sehen Sie bei der Einführung von KI-Agenten am häufigsten, und womit sollte eine Geschäftsführung im Mittelstand stattdessen beginnen? Woran erkennt sie nach 90 Tagen den Erfolg?

Wir sprechen viel zu viel über Architektur, Governance, Compliance, Souveränität und wir sprechen zu wenig über den Menschen bei der KI-Transformation. Das ist der entscheidende Faktor, damit dies langfristig gelingt. Der größte Erfolg ist dann, wenn Mitarbeitende in den ersten 90 Tagen sinnvoll ausgebildet werden und gemeinsam in einer Community anfangen, sich über die Möglichkeiten für den eigenen Arbeitsalltag und für das Unternehmen auszutauschen.

6. Wie sieht ein Unternehmen 2030 aus?

Wahrscheinlich ähnlich wie bei uns heute bei Leaders of AI: ein Unternehmen, in dem Menschen und KI symbiotisch zusammenarbeiten und KI zu einem festen, integralen Bestandteil der Wertschöpfung wird, der ähnlich behandelt wird wie Mitarbeitende. Vor allem wird es jeden Mitarbeitenden betreffen, denn alle sollten ein Stück weit Führungskraft für KI werden, selbst wenn sie bislang eine Spezialistenlaufbahn eingeschlagen haben. Das ist die eigentliche Transformation dieser Arbeitswelt.

Strategische Einordnung von Murat Ham

Das Interview mit Dominic von Proeck zeigt: Die entscheidende Frage der KI-Transformation lautet nicht mehr, was Agenten können, sondern wer ihre Ergebnisse verantwortet. Wenn zehn Menschen mit über 100 Agenten arbeiten, verschiebt sich Führung von der Steuerung einzelner Aufgaben hin zur Steuerung von Prüfung, Risiko und Verantwortung. Genau hier liegt für Vorstände und Aufsichtsräte die Lücke: Wer Agenten Entscheidungen vorbereiten lässt, ohne festzulegen, wer prüft und wer die Verantwortung trägt, delegiert nicht nur Arbeit, sondern auch Kontrolle. Von Proeck lässt keinen Zweifel daran, dass die Verantwortung beim Menschen bleibt, und er hält es für wahrscheinlich, dass Unternehmen 2030 ähnlich arbeiten. Die Frage ist deshalb nicht, ob Unternehmen mit Agenten arbeiten, sondern ob Führung und Aufsicht darauf vorbereitet sind.

Unverbindliche Mandatsanfragen nehme ich gerne über www.murat-ham.de entgegen.

Bildnachweis

Foto: zur Verfügung gestellt von Dominic von Proeck (aufgenommen bei der KATAG)

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